Der Mensch denkt und Gott lenkt
Zur Erinnerung: Mein gesetztes Ziel beim MdS war
Finishen als schnellster Österreicher in einer Zeit unter 30 Stunden.
Nach dem ersten Tag schaute es gar nicht so gut aus:
- Gravierendes Ausrüstungsproblem mit dem Halterungssystem der Wasserflaschen
- Körperliches Problem: schwere Krämpfe in den Unterschenkel bereits am ersen Tag
- Zeitproblem: deutlich unter den notwendigen 8 km/h; scheint aufgrund des Gepäcks und Untergrunds nicht möglich zu sein!
- Motivationsproblem: Wie sollte ich die nächsten (tw. viel längeren) Etappen durchstehen, wenn ich schon am Anfang solche Schwierigkeiten hatte?
- Plazierungsproblem: mindestens zwei Österreicher (Robert Schneider und Josef Schmied) scheinen deutlich stärker zu sein.
Meine ganze schöne Planung mit der darauf basierenden Laufstrategie schien sich als absolut unbrauchbar zu erweisen. Was sollte ich also tun? Mein Ziel verwerfen? Umdisponieren und die Strategie ändern? Aber was könnte ich anders machen? Auf Gott vertrauen und einfach abwarten?
Ich entschloss mich für letzteres. Vielleicht war es die Erschöpfung oder die Verzweiflung am Abend nach der ersten Etappe, jedenfalls gelang es mir, eine gewisse Gelassenheit zu erlangen und erst einmal gar nichts zu machen. Am nächsten Tag würde ich nach dem Aufwachen noch 3 Stunden bis zum Start der 2. Etappe Zeit haben. Ich verschob also alle Überlegungen und Entscheidungen auf morgen.
Die weiteren Ereignisse lassen sich folgendermaßen zusammenfassen. Diese lagen nur zu einem kleinen Teil innerhalb meines eigenen Einflussbereichs und haben einfach sehr viel mit Glück zu tun:
Das einzige was ich aktiv beitragen konnte, betraf das Wasserflaschenproblem: Ich beschloss fortan immer nur noch eine Wasserflasche an den Checkpoints zu nehmen und band diese (sehr “russisch”) mit einem Riemen und Doppelknoten zusätzlich an meinen Rucksackträger fest. Der Trinkvorgang war dadurch ein wenig mühsam, da ich immer zuerst den Knoten lösen und danach wieder verschnüren musste. Ein weiterer Nachteil war, dass ich nun die 1,5 Liter-Flasche asymetrisch immer an der linken Seite befestigen könnte. Das machte sich bereits ab der 2. Etappe mit beginnenden Schmerzen im linken Knie bemerkbar.
Etappe 2: ich konnte bis KM 26 ohne größere Probleme laufen und fühlte mich eigentlich ziemlich gut. Dann tat sich aber nach einem kleinen Anstieg eine „endlose” Ebene auf und mein innerer Schweinehund sagte: „Da kommst du nie an! Laufmotivation auf Null - maximal Gehen möglich!”. Ich konnte nur mehr antworten: „Zu Befehl”. Die folgenden 90 Gehminuten kommen mir im Nachhinein als die schlimmste Zeit im ganzen Rennen vor. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: die Gehpassagen, so wenig diese auch eingeplant waren, sollten mir gerade die Kraftreserven für die kommenden langen Etappen verschaffen.
Etappe 2: Josef Schmied, unser Zeltkollege und nach der ersten Etappe vor mir gelegen, stürzte schwer und musste mit schlimmen Rückenschmerzen das Rennen beenden.
Königsetappe: 91km! Das erfuhren wir erst 2 Stunden vor dem Start - wir alle hatten mit max. 80 km gerechnet. Ich wollte unbedingt Nonstop laufen, d.h. die Etappe in einem Stück und keine längere (Schlaf-) Pause in der Nacht. Ich hatte eine ganz einfache Strategie (weil ich keine bessere wusste): (1) So lange wie möglich laufen und nicht gehen, (2) ja keine Kilometer zählen, sondern Stunden (”Gelaufen wird bis Mitternacht!”).
Was mir dabei die ganze Zeit ungemein half, waren die beiden Lebensweisheiten, die mir unser Veteran im Zelt (und späterer Klassensieger der über 70-jährigen) Georg Tangerner am Morgen mit auf den Weg gegeben hatte: “Langstreckenlauf ist Charaktersache UND Entscheidungen fallen in der Krise, wenn es hart und mühsam wird!”
Alles ging gut; ich konnte ab der zweiten Hälfte erstmals eine Reihe von Läufern überholen und beendete die Etappe als 99.
Robert Schneider kam ca. 1,5 Stunden nach mir mit einem geschwollenen Sprunggelenk ins Ziel. Zu diesem Zeitpunkt schaute es für ihn und die letzte Etappe gar nicht gut aus.
4. und letzte Etappe: klassische Marathondistanz 42,2km. Ich lag inzwischen dank der langen Etappe in der Österreichwertung um die 45 Minuten in Führung. Diesen Vorsprung wollte ich unbedingt ins Ziel bringen. Ich konnte das erst mal „voll” laufen, da ich auf keine weiteren Etappen mehr Rücksicht nehmen musste. Mit den Blasen an den Füßen ging es mir viel besser als so manchen anderen Mitstreiter, aber mein linkes Knie bereitete mir ein wenig Sorgen. Etwa bei halber Distanz wurden dann die Schmerzen so stark, dass ich kaum mehr laufen konnte und gehen musste. Aber dann passierte etwas Eigenartiges: Irgendetwas veranlasste mich, den Schmerz zu ignorieren und anstatt zu gehen mit gesteigertem Tempo wieder zu laufen. Ich kam in eine Art Trance-Zustand, der mich die Schmerzen nicht mehr fühlen ließ. Das hielt zwar nicht bis ganz zum Schluss an. Als sich aber die Schmerzen wieder einstellten, war ich schon so nahe am Ziel, dass mich das nicht mehr stoppen konnte. Woher der plötzliche Energieschub gekommen ist, bleibt mir ein Rätsel!
Wegen der Regenfälle wurde nach der ersten auch die geplante letzte Etappe gestrichen, sodass die Gesamtdistanz “nur” 202 km ausmachte. Dank dieser Tatsache konnte ich das Rennen schlussendlich in unter 30 Stunden beenden - obwohl dies nur eine rechnerische Spitzfindigkeit ist.
Einen weiteren entscheidenden positiven Effekt hatte die Rennverkürzung: da wie ja nun 2 Tage weniger unterwegs waren, blieben jedem auch 2 Tagesrationen an eingeplanten und mitgetragenen Essen übrig. Durch die Liebenswürdigkeit von meinen Zeltkollegen Kurt Leitner und Günther Zemsauer konnte ich meine mitgebrachten „Grießriegel” (von ihnen gleichsam liebevoll wie auch ein wenig spöttisch „Ziegel” genannt), die ich nach dem 2. Tag schon nicht mehr sehen konnte, gegen ihre zumindest geschmacklich abwechslungsreicheren Trevellunch-Portionen „eintauschen”.

Mai 8th, 2009 at 15:03
[...] den beiden letzen Beiträgen (1, 2) habe ich versucht, am Beispiel meines Marathon des Sables (MdS) Abenteuers zu beschreiben, wie [...]