Die versteckten Seiten von Rückschlag und Krise
Was kann das für einen Nutzen haben, wenn man unmittelbar aus der körperlichen Aktivität für sieben Wochen zur absoluten physischen Passivität „verurteilt” wird?
Kann es da eine „zweite” Seite der Medaille geben, die man vorerst gar nicht sieht? Und falls ja: Wer trifft die Entscheidung, nach der anderen Seite suchen zu wollen?
Erfahrungsbericht Robert Steinbauer, 14.9.2009:
Nach 7 Wochen (49 Tagen!) Krankenhausaufenthalt habe ich nun endlich meine „Freiheit” wieder erlangt. Der Alltag ist zwar immer noch ziemlich mühsam, da ich mich nur humpelnd auf 2 Krücken fortbewegen kann. Auch der Kreislauf ist durch fast 10 Kilogramm Gewichtsverlust und durch die immer noch andauernde Antibiotika-Behandlung noch merklich geschwächt. Trotzdem fühle ich mich wie neugeboren.
Was ist passiert: Ein unscheinbarer Riss in der Fußsohle, zugezogen beim Baden. Da bin ich auf irgendwas draufgetreten, so wie hundertmal zuvor in meinem Leben. Was aber zuerst recht unspektakulär ausgesehen hat, wurde schnell unangenehm: Fieber, Entzündung, Eiter, Keime.
Was danach kommt, ist für mich eine völlig neue Lebenserfahrung: Ich liege mit einem entzündeten Fuß im Krankenhaus. Aus der Wunde in der Fußsohle geht ein Schlauch zu einer „Absaugmaschine” neben dem Bett, sodass ich dieses nicht verlassen kann. Ausnahmen sind nur der Gang auf die Toilette, aber auch das geht nicht ohne Hilfe des Pflegepersonals. Alle 3 Tage erfolgt ein operativer Eingriff (unter Vollnarkose), bei dem der Schwamm in der offenen Wunde gewechselt und ein Gewebeabstich genommen wird. Daneben gibt es jede Menge Antibiotika-Infusionen, so lange, bis die Wunde keimfrei wird.
Besonders schlimm sind aber die ersten Tage. Bei jedem Pulsschlag antwortet die Fußsohle mit einem dumpfen pochenden Schmerz. Trostlose Regelmäßigkeit. Aber vielleicht kann man sich ja gerade deswegen daran gewöhnen. Es gibt nur ein paar wenige Körperpositionen, die man im Bett einnehmen kann. Jede davon hat aber ihre eigenen anatomischen Nachteile, die sich bereits nach kurzer Zeit bemerkbar machen.
Im Takt des Pulsschlages verstreichen die Sekunden. In den Nächten vergeht die Zeit noch langsamer. Die Nächte sind ein einziger Mix aus wirren Fieberträumen, Schmerzen und Mutlosigkeit. Wie kann man so eine Zeit im Kopf überhaupt durchstehen?
Nach eineinhalb Wochen verbessert sich die Situation ein wenig. Die Antibiotika zeigen zwar immer noch nicht die erwünschte Wirkung. Die Konzentration an „feindlichen” Keimen bleibt hoch, und es werden auch immer wieder neue entdeckt. Aber jedenfalls habe ich Glück, so wird mir gesagt, da ohne entsprechende Behandlung eine Amputation unter dem Knie unvermeidlich gewesen wäre. Der Schock sitzt anfangs ziemlich tief.
Durch das Liegen im Spitalsbett hat man auf einmal Zeit. Viel Zeit! Das, was in unserem rastlosen Alltag meist eine wertvolle Mangelware ist, steht plötzlich schier unbegrenzt zur Verfügung. Das könnte eigentlich ein „paradiesischer” Zustand sein, eine Andeutung von Ewigkeit. Leider ist man aber völlig unvorbereitet und daher überfordert mit diesem „Geschenk”. Jetzt ist vielmehr die Gefahr groß, dass man die Zeit mit Selbstmitleid, Hadern und Zweifeln verbringt: Warum gerade ich? Warum trifft es mich so heftig? Tausend Dinge bleiben liegen und werden versäumt!
Die Gedanken schweifen in die Vergangenheit und lassen einen noch wehmütiger werden: Vor gut einem Monat habe ich noch beim 24-Stundenlauf in Wörschach teilgenommen mit dem persönlichen Ziel 200 km zu laufen (es sind dann letztendlich „nur” 176 km geworden, da ich fast 4 Stunden wegen Knieprobleme zum Pausieren gezwungen wurde). Im April dieses Jahres bestritt ich den berühmt-berüchtigten Marathon des Sables
(über 200 km durch die marokkanische Sahara, Selbstversorgung) und konnte als bester Österreicher finishen.
Für mich bedeutet Laufen Abschalten, Stressabbau, Meditation und Ultra-Laufen das Vordringen in neue Erfahrungssphären, Grenzerfahrungen und Grenzerweiterung. Nirgends kann man über sich selber so viel erfahren, wie an der Grenze zur körperlichen Erschöpfung. Dort, wo der Geist das Kommando übernehmen muss. Dort, wo der Charakter und der Wille gefordert sind. Dort, wo man Demut und Dankbarkeit spürt.
Für mich ist Laufen auch Therapie zum Auf- und Verarbeiten von Problemen und Tiefschlägen. Insbesondere seit dem Mai 2008, als ich an einem einzigen Tag meine Eltern, meine Schwägerin, mein Taufpatenkind und einen Bruder verloren habe (Vielleicht habe ich aber auch einen verlorenen Bruder wiedergewonnen? Aber das ist eine andere Geschichte.)
Ich brauche die körperliche Bewegung um auch geistig beweglich zu sein.
Und das alles wurde mir mit einem Schlag genommen. Verkabelt und ans Bett gefesselt muss ich die Wochen (wie viele werden es sein?) verbringen. Hilflos und ohne Einflussmöglichkeit! Schlagartig wird einem die eigene Verletzlichkeit bewusst, Entscheidungen werden auf einmal nur mehr von außen (in meinem Fall vom behandelnden Arzt) getroffen, selber kann man wenig bis nichts zum Erfolg beitragen. Plötzlich verschieben sich Ziele, Prioritäten, Möglichkeiten, ohne dass man selber groß Einfluss darauf nehmen kann.
Ist in dieser Situation ein Übermaß an Zeit nicht eine sarkastische Ironie des Schicksals und keinesfalls ein Geschenk? Was ist das nun: Hölle oder Paradies? Liegen diese Extreme wirklich so nahe beisammen? Und wer trifft nun die Entscheidung für das eine oder das andere?
Langsam wird mir klar, dass ich doch nicht ganz ohne eigene Entscheidungsmöglichkeiten daliege. Ich kann zwar nicht über meinen physischen Bewegungsspielraum entscheiden, sehr wohl aber über meinen geistigen. Ich habe einige Zeit gebraucht, um mich auf die Situation einzustellen. Bis mir bewusst geworden ist, dass es ausschließlich an mir liegt, wie ich mit meiner Lage und meinen Möglichkeiten umgehe. Ich kann zwischen Verzweiflung und Selbstmitleid oder Chance wählen, zwischen Grieskrämigkeit und Hoffnung, zwischen Hölle und Paradies. Wie oft habe ich bisher eine solche gewaltige und radikale Entscheidungsmöglichkeit gehabt?
Ich werde in der nächsten Zeit zwar nicht mehr laufen können, aber mein bisheriges Laufen hat mich stark gemacht. Stark genug, meine momentane Lage zu akzeptieren und stark genug, mich ehrlich mit der „Sinn-Frage” zu beschäftigen: Welche Chancen und Nutzen verbergen sich hinter meinem aktuellen Schicksal? Wie lässt sich diese Zeit positiv für meine Weiterentwicklung nutzen?
Bin ich in all den vergangenen Monaten vor etwas davongelaufen. Habe ich mir nach dem Verlust von engen Familienmitgliedern und ein paar Wochen später dem Verlust meines Jobs zu wenig Zeit zum Auskurieren der seelischen Belastungen genommen? War dieser „Time-Out” daher vielleicht notwendig und mangels eigener Einsicht vom Schicksal aufgezwungen? Zur Zeit kenne ich die Antworten darauf noch nicht genau - ich bin aber zuversichtlich, dass diese sich noch finden lassen …
Kommentare
Hallo Robert,
habe soeben ein paar Berichte von dir überflogen.
Du verfügst ja über das Wissen, welche ich genau brauche - die ideale Marathonvorbereitung.
Wenn du wieder einmal Lust hast auf solch eine Übung wie heute, dann sag`s mir. Hat echt Spass gemacht.
September 25th, 2009 at 10:21
[...] Nachtrag 2: Am 22.7.2009 (also 10 Tage nach dem 24-Stundenlauf) werde ich mir beim Baden etwas im den linken Fuß eintreten. Was anfangs noch harmlos aussieht, wird sich leider als langwierig und mühevoll erweisen: 49 Tage Krankenhaus, 17 Operationen unter Vollnarkose, schwere Antibiotika-Infusionen, 10 kg Gewichtsverlust und die Ungewissheit, vielleicht nie wieder (lange) laufen zu können … (zum Erfahrungsbericht) [...]